Literatur / Rezensionen

Auf dem Fleischmarkt

Fleischmarkt: Da wo tote Körper zum Kauf feil geboten werden. Nur hat sich Laurie Penny analytisch nicht, wie man vermuten könnte, dem tierschutzrechtlichen Aspekt der kapitalistischen Verwertungslogik verschrieben, sondern legt eine dialektische, feministisch-intellektuelle und doch zugleich praxisbezogene Analyse- und Anklageschrift gegen patriarchale Systemzumutungen vor, die ob ihrer radikal-analytischen Perspektive unter jüngeren feministischen Publizistinnen ihresgleichen sucht.

Gleich vorweg: das Buch hats mir angetan – innerhalb einer nur 15-minütigen U-Bahnfahrt habe ich die erste Hälfte des Werks in einem Schluck verdrückt..! Und das obwohl die tiefenstrukturelle Analyse weiblicher Selbstverleugnung sowohl theoretisch wie sprachlich auf hohem Niveau rangiert. Und doch bleibt diese leicht lesbar und unmittelbar eingängig – irgendwie kann frau das, was beschrieben wird aus der unmittelbaren Sozialisationserfahrung nachfühlen – es geht unter die Haut. Was nicht zuletzt, aber auch nicht nur, an der sehr persönlichen erfahrungsgespeisten Schreibweise der Autorin liegt, die nach einem allgmein gehalten theoretischen Einstieg die individuelle Lebensgeschichte auf gekonnte Weise mit den sie bedingenden strukturellen größeren Zusammenhängen verknüpft.

Selbstentfremdete Hyper-Sexualisierung zeichnet die Autorin darin zugleich als tragische Konsequenz eines kapitalisierten Patriarchats auf der Systemebene und zugleich als kurzfristig wirksamen strategischen Einsatz einer Kapitalform der Einzelnen innerhalb dieser Gesellschaftsform, in der wir leben. Aber, so das emanzipatorische Credo, das sich durch das gesamte Büchlein (123 S.) zieht – wir können und sollen, ja müssen uns davon befreien!

Wollen wir uns aus frauenfeindlichem, d.h. sexualitäts-, fleisch- und mit Penny ergo emanzipationsfeindlichem patriarchalem Homeland gemeinsam befreien, bedeutet dies zunächst ganz sprichwörtlich-konkret unser Stück vom Kuchen zu erkämpfen, d.h. konkret: einzuverleiben. Letztere Perspektive bezeichnet den Modus der Emanzipation, der sich durch die gesamte Argumentationskette zieht. Lust, Körperlichkeit, Sexualität und Begehren sind die Koordinaten, auf denen sich antipatriarchale Körperpolitiken gegen Bevormundung und Entfremdung vom eigenen Selbst bewegen.

Dafür sind auch mitunter schmerzhafte feministische Auseinandersetzungen und letztlich eine Solidarisierung mit jenen, die ihren sexualisierten Körper zum Kauf anbieten (Prostituierte/“Sexarbeiterinnen“) oder umwandeln (Transsexuelle), nötig – jedoch ohne in eine postmodern-nihilistische, libertinäre anything-goes-Attitüde zu verfallen.

Pornographisierung der Gesellschaft und Prostitution sind problematisch, jedoch insofern, als sie die von der kapitalistich-patriarchalen Ausbeutung am ummittelbarsten und meisten Betroffenen und Ausgebeuteten (Frauen, Mädchen, Transsexuelle, Homosexuelle, Prostituierte, ..) marginalisieren und der strukturellen wie konkret-physischen Gewalt überlassen. Die Antwort lautet jedoch nicht, irgendwie „offen“ oder „tolerant“ gegenüber allen möglichen Formen patriarchaler Ausbeutung und Selbstentfremdung zu werden, sondern diese gemeinsam durch kollektiv getragenes und praktiziertes politisches wie individuelles Handeln zu überwinden.

Prädikat: unbedingt lesenswert!

Penny, Laurie (2012): Fleischmarkt, Edition NAUTILUS FLUGSCHRIFT, Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg.