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Dieser Blog versteht sich als Beitrag zur Wiederbelebung eines radikalen linken Feminismus, der das Patriarchat als das grundlegende Herrschaftssystem (wieder) thematisiert, benennt und damit politisiert.
„Wieder“??
Wir erinnern uns (oder für meine Generation: forsche nach oder lasse sich berichten):
In der linken Studentenbewegung flogen dereinst den 68er-Genossen die Tomaten um die Ohren um klar zu machen, daß eine reine Beseitigung des sog. „Hauptwiderspruchs“ (Kapitalismus) nur einen Teil der Probleme dieser Gesellschaft löst – genau genommen den angenehmer zu lösenden, lag der Feind doch ganz klar außerhalb der eigenen revolutionären Strukturen und Zirkel und war klar auf der Gegenseite zu verorten (als das Schweinesystem Kapitalismus) – waren die Revoluzzerhelden doch selbst noch in den anderen Widerspruch zutiefst verstrickt. >> nö, mach du mal Kaffee/Kopien, ich diskutier hier mit den Genossen das Schweinesystem. <<
Dann knallt´s eben. Der symbolische Auftakt der Zweiten Welle der Frauenbewegung zog revolutionäre Patriarchatskritik(en) in Theorie & Praxis nach sich.
Und heute?
Es ist heute merkwürdig still geworden. Begriffe wie Patriarchat scheinen unter der Staubschicht einer vergessenen Geschichte begraben.
Klar, ab und an gibt es sie noch, die antipatriarchalen Bekenntnisse, ohne die keine 8.März-Demo auskommt, die den trangsgenialen CSD neben dem Glitter noch mit „Feminismus“ schmücken und der 1.Mai-Demo einen geschichtsbewussten Anstrich verleihen, aus den Konflikten in der Altlinken gelernt zu haben. Und dennoch, eine zielführende radikale Kritik am weltweiten Patriarchat, das auch hierzulande noch real wirkt in den gesellschaftlichen Strukturen, sähe anders aus. Und scheint zumindest mittelfristig nicht in Sicht.

Zugegeben, Kritik an Heterosexistischer Kackscheiße klingt heute auch einfach schnittiger und (t)rotziger. Und bringt die linksqueerfeministischheteronormativophobe Kritik von der Uni auf die Straße, zu den Leuten. >>Hey, System, du bist heteronormativ! Fuck off!<< So weit, so postmodern.

Aber..!

Nun ist es aber nicht so, daß die Erkenntnis von und die Kritik an der Heteronormativität unserer gesellschaftlichen Verhältnisse bahnbrechend neu wäre. Sicher, das bestehende System ist in seinen objektiven wie symbolischen Strukturen beschissen heteronormativ. Was sonst?! Zwangsheterosexualität und normative Geschlechterregime sind vielleicht Begriffsbildungen neuerer analytischer Zugänge, standen jedoch als markanteste, ja konstitutive Elemente des Patriarchats bereits seit der Zweiten Welle der westlichen (und nicht nur dort, vgl. bspw. arab. Feminismus: Nawal el Saadawi) Frauenbewegung im Fokus von Analyse, Kritik und Widerstand. Heteronormaitivität ist jedoch lediglich ein Bestandteil des alle gesellschaftlichen Bereiche und Ebenen umfassenden Organisationsprinzips Patriarchat.
Dieses baut wesentlich auf der diskreten (d.h. strikten/scharfen/absoluten und Ausschließlichkeit produzierenden) Diskriminierung auf: ‚Männer‘ vs. ‚Frauen‘ und zieht assoziativ weitere Antagonismen nach sich, die sich in gesellschaftlichen Bereichen sozial, ökonomisch, politisch und rechtlich manifestieren: ‚Starke‘ vs. ‚Schwache‘, Besitzende vs. ökonomisch Abhängige (Lohnarbeiter_in/Arbeitslose_r/Rentner_innen usw.) etc., die allesamt stets hierarchisch zueinander in Relation stehen. Das Grundprinzip der Spaltung und Hierarchisierung durchzieht alle bekannten patriarchal geprägten Gesellschaften, ob bereits in der griechischen Antike oder noch heute in der sog. Postmoderne; seien diese Gesellschaftsverhältnisse noch feudalistisch, schon vorindustriell, industriell oder bereits ‚postindustriell‘ geprägt.

Die willkürlich gesetzten Hierarchien, die auf grundlegende, als ‚natürlich‘ gesetzte Spaltungen in der Art eines schwarz-weiß-Schemas mit absoluten, d.h. undurchlässigen, dichotomisierenden Grenzsetzungen zurückgreifen, sind – und hier wird die gesellschaftspolitisch relevante Dimension deutlich – nicht wert- und machtneutral im Sinne einer lediglich deskriptiven Unterscheidung, sondern sie beinhalten bereits eine ungleiche Wert- und Ressourcen- und damit Machtverteilung.
‚Männer‘ und ‚Frauen‘ wie sie im Patriarchat konstruiert und konsolidiert werden, ‚besitzen‘ darin ‚von Natur aus‘ unterschiedliche Fähigkeiten, Möglichkeiten und Interessen. Diese wiederum ziehen einen ganzen Rattenschwanz an ideologischen Vorstellungen nach sich, die sich ökonomisch, rechtlich, politisch und sozial manifestieren.
[…]

Im Unterschied zu manchen „queeren“ Zugängen zum Themenkomplex Sexismus nimmt antipa für sich in Anspruch, das Patriarchat als primäre Systemmatrix und Organisations- wie Symbolform von Herrschaft wieder (mit)zudenken und zu analyiseren und statt der mannigfaltigen Differenzierungen – „es gibt nicht die Frauen“ – die struktuell bedingten Gemeinsamkeiten von Frauen* im Patriarchat wieder in den Fokus zu rücken. Denn auch wenn Teile einer postfeministischen Strömung sich zugute halten, die Differenzen innerhalb der heterogenen Gruppe ‚der‘ Frauen im Patriachat thematisiert und politisiert zu haben, so kann dennoch nicht so getan werden, als seien Geschlecht und geschlechtsspezifische Unterdrückung heute nur noch lediglich kulturalistische Konstrukte, die mit dem „richtigen“ Bewußtsein und rechtlichen Regelungen bekämpft werden könnten. „Gender“ ist eine kulturelle Konstruktion, sicher. Die kulturelle Formung von Geschlecht – „Gender“ – ist jedoch lediglich ein Aspekt. Die Ursachen von Sexismus, sowie der spezifischen Ausbeutung von und Gewalt gegen Frauen* hat tiefere Wurzeln, zu denen beispielsweise auch sozioökonomische und reproduktive Faktoren zu zählen sind. Die Machtinteressen männlich dominierter, besitzender Menschengruppen beruhen zuallerst auf der Kontrolle von Sexualität und Reproduktivität, was Frauen in einem anderen Maße und weitreichenderer Konsequenz als bpsw. Männer betrifft. Herrschaftsverhältnisse reproduzieren sich über die Kontrolle der Produktion – in allen ihren gesellschaftlich relevanten Aspekten (ökonomisch, soziokulturell, d.h. auch symbolisch-konstitutiv wie auch in Form ungleicher Verteilung von Deutungsmacht, gesellschaftlich relevantem Wissen) – zuallererst bedeutet jegliche Produktion jedoch eine Kontrolle der gesellschaftlichen Reproduktion, und damit eine kollektiv-patriarchale Kontrolle kollektiv-weiblich dominierter und zu erbringender Reproduktionsleistung.

Die Befreiung der Frau* – und mit ihr also grundlegend die Befreiung der Sexualität und Reproduktion – hat damit für antipa Priorität im Kampf gegen Sexismus, Kapitalismus, Homo- u. Transphobie! Keine Revolution ohne Frauen, keine Revolution ohne Befreiung der Frau* !
Dazu ist es nötig, die Ursprünge – soweit rekonstruierbar – sowie die Kontinuitäten aber auch Diskontinuitäten und revolutionären Umbrüche im patriarchal organisierten Geschlechterverhältnissen zu erforschen. Nur durch eine fundamentale, grundlagenstrategische Erforschung vom und Kritik am allumfassenden ‚System‘ Patriarchat kann eine wirkliche Revolution stattfinden, die die Emanzipation der Menschen aus Herrschaft durch andere Menschen(gruppen) bedeutet!
Solange die Fesseln des Patriarchats Frauen* – und in der sexistischen Logik entsprechend auch Homo-, Trans- und Intersexuelle – zu Menschen zweiter Klasse degradieren, solange die sexuelle Doppelmoral und geistige Enge die freie, selbstverantwortliche und respektvolle Seite menschlicher Sexualität und gesellschaftlichen Umgangs miteinander unterdrücken und solange das ‚höchste‘ Grundprinzip patriarchaler Herrschafts- und Sozialordnung – das Recht des Stärkeren – wirkmächtig ist, solange muß und soll dieser Kampf geführt werden, in Theorie und Praxis!