Die Gegen-/Reaktion schlägt zurück

Auch beim diesjährigen sogenannten „Marsch für das Leben“ haben christlich-fundamentalistische Gruppen wieder Tausende Anhänger_innen mobilisieren können, um ihr verqueres Dogma einer patriarchal-heterosexistischen Gesellschaftsordnung auf die Straßen Berlins zu tragen. Tendenz seit Jahren steigend.

Doch auch der Gegenprotest wird lauter, größer, vielfältiger. Neben bekannten Aktivist_innen und feministischen, queeren und linken Bündnissen haben auch neue kreative Gruppen ihren Protest gegen Fundamentalismus und Antifeminismus zum Ausdruck gebracht, so unter anderem die Aktionsgruppe „Holi Powder statt Holy Shit“, die die Demonstration der sogenannten „Lebensschützer“ mit „Holi Powder“ bewarf. Beim hinduistischen „Holi“-Fest in Indien ist es Tradition, sich und gegenseitig mit buntem Pulver zu bewerfen als Ausdruck der Lebensfreude.

So empowernd die teilnehmerzahlenmäßige Zunahme des Gegenprotests ist, so beunruhigend ist hingegen nicht nur die bloße Teilnehmer_innenzahl dieser reaktionären Show, sondern gerade auch die Breite ihrer gesellschaftlichen Verankerung. So hat beim diesjährigen Marsch unter anderem der Chef der Berliner LSU (Lesben und Schwule in der Union), Jürgen Daenens selbstbewusst, ja freudestrahlend-kraftstrotzdend mit weißem Kreuz teilgenommen. Eigentlich doch paradox, daß ein Schwuler, dem die Organisator_innen des Marsches ob seiner sexuellen Identität sicher den unmittelbaren Weg in die „Hölle“ versprechen dürften, sich mit dieser Veranstaltung und seinen Zielen identifiziert. Satirisch-knackig dazu unter anderem das ZDF-Satiremagazin der „heute show“.

Der Fall einer Identifikation mit dem (gesellschaftlichen) Aggressor? Bloß naiv? Immerhin ging es Daenens nach eigenem Bekunden um die Vermeidung künftiger Embryonen-Selektion nach sexueller Orientierung. Doch so blöd kann nicht mal ein Unions-Funktionär sein, um anzunehmen, unbemerkt seinen misogynen (frauenverachtenden), patriarchalsexistischen Auswurf noch unter dem Label eines vermeintlich humanistisch begründeten „Lebensschutzes“ – mit dem er qua körperlich-reproduktiver biologischer Ausstattung ohnehin nichts unmittelbar zu schaffen hat – verkaufen und damit ungestraft wahlpolitisch am rechten Rand punkten zu können.

Und so ganz paradox ist die Identifikation von sexistischen Arschlöchern, die zufällig schwul sind, mit dem Antifeminismus nun auch wieder nicht, wie es ein sehr lesenswerter Kommentar von SIEGESSÄULE-Kolumnist Dirk Ludigs über den angepassten schwulen Spießer auf den Punkt bringt.

Nein, lieber Neo-Con Daenen, du bist nicht das Opfer einer Medienkampagne oder wurdest gar falsch verstanden. Du bist dir mit deiner antiemanzipatorischen Einstellung und Partei selbst das Problem!

Homosexuelle Sexisten sind genauso bigott wie homophobe Katholenpriester, die sich an kleinen Jungs vergreifen. Werdet erwachsen und stellt euch gegen patriarchale Selbstentfremdung und setzt euch für selbstbestimmte Lebens- und Liebenswelten ein!

Freundlichst,
antipa